Flying Blind In Shenzhen
Samstag, 18. September 2010
Deutsche Atompolitik anno 2010 - Schönen Dank auch!
War die unglaublich freche Klientelpolitik der jetzigen Bundesregierung mit dem gemäßigten Steuersatz für Hotelbetten sogar noch peinlich-komisch demonstriert worden, so hat sie mit dem Kippen des Atomkonsenses ein mit unkalkulierbaren Risiken behaftetes Maß erreicht.

Worum geht es.
Die Lage vor dem 05.09.2010:

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In Deutschland ist der Ausstieg aus der Kernenergie in dem Atomkonsens genannten Vertrag der Bundesrepublik mit den Betreibergesellschaften geregelt. Auf Grundlage des Vertrags wurde das Atomgesetz 2002 novelliert. Ausgehend von einer Regellaufzeit von etwa 32 Jahren bestimmt der Vertrag, welche Reststrommengen ein Kraftwerk in den Betriebsjahren noch produzieren darf. Wenn man die Stromproduktion der einzelnen Kraftwerke aus der Vergangenheit in die Zukunft projiziert, ergibt sich aus den Reststrommengen, dass etwa 2021 das letzte von 19 deutschen Kernkraftwerken stillgelegt werden wird. Diese Termine können sich verschieben, da im Rahmen des Atomkonsenses Reststrommengen zwischen Kraftwerken übertragen werden können. Vom Netz genommen wurden inzwischen die Kernkraftwerke Stade (am 14. November 2003) und Obrigheim (am 11. Mai 2005).

(Quelle Wikipedia)
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Obwohl der geplante Ausstieg aus der atomaren Technik gemäß des Atomkonsenses etlichen Kritikern schon viel zu langsam vonstatten ging, wurde am 05.09.2010 ein neuer Vertrag zwischen der jetzigen Bundesregierung und den kernkraftwerkbetreibenden Energiekonzernen E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW abgeschlossen, dessen, oft zwiespältige, Details erst nach und nach publik gemacht worden sind.

Zusammengefaßt:
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Am 5. September 2010 einigte sich die CDU/FDP-Koalition auf eine Verlängerung der Restlaufzeiten. Die Laufzeit von Kernkraftwerken, die vor 1980 gebaut wurden, soll um acht Jahre verlängert werden. Neuere Reaktoren sollen vierzehn Jahre länger laufen dürfen. Im Gegenzug verpflichten sich die Energiekonzerne zu einer jährlichen Zahlung von je 300 Millionen Euro in den Jahren 2011 und 2012 und von je 200 Millionen Euro bis 2016. Zudem will die Bundesregierung für sechs Jahre – 2011 bis einschließlich 2016 – eine Brennelementesteuer in Höhe von jährlich 2,3 Milliarden Euro einführen.

(Quelle Wikipedia)
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Bundeskanzlerin Merkel spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer Revolution im Bereich der Energieversorgung.




Revolutionäres gibt es an diesem Vorgang durchaus, wie etwa der bisher einmalige Kniefall der Bundesregierung vor einer Lobby. Die Kernkraftbetreiber haben nun höchstamtliche Unterstützung gegen die lästig aufkeimende Konkurrenz durch Entwickler, die mit erneuerbaren Energieträgern arbeiten, oder Kommunen, die gerade dabei sind ihre eigenen Energiekonzepte zu verwirklichen.


Prophetische Darstellung: Angela Merkel und der schnöde Mammon. Nun ist es soweit

Ok. Spass beiseite.


Die Fabel vom billigen Strom.

Seit Ende der 60er Jahre speisen Kernkraftwerke ihren produzierten Strom auch ins Netz ein und trotzdem wurde Strom für Privatkunden niemals billiger.

Auch im jetzigen Vertrag zur Laufzeitverlängerung der AKWs gibt es keinerlei Verpflichtung der Betreiber, den Strom günstig an ihre Kunden abzugeben. Die wären auch schön blöd, wenn sie unter diesen Umständen auf ihre garantierten Gewinne verzichten würden.

Dagegen sind im Vertrag die Ausgaben zur Instandhaltung der AKW's natürlich gedeckelt und die geplante Brennelementesteuer ist für die Energiekonzerne auch kein Problem, da man sie praktischerweise normal als Ausgaben verbuchen kann.

Kurz und gut - ökonomisch macht alles nur für die Kernkraftbetreiber Sinn, während die Allgemeinheit vor alle die ökologischen Risiken und Folgen trägt.


Die Mär vom sicheren Atomkraftwerk.

Berühmt-berüchtigt sind natürlich der Störfall von 1979 in Harrisburg, Pennsylvania und der Super-GAU von Tschernobyl im September 1982.

Soetwas kann in einem mit deutscher Wertarbeit gefertigten Kernkraftwerk natürlich nicht passieren und deshalb sind die in Deutschland bisher geschehenen Störfälle vernachlässigbare Vorkommnisse.

Das Problem ist nur, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit eines größeren Unfalls noch so gering ist, dann ist sie trotzdem niemals gleich Null. Vor allem werden die laufenden Kernkraftwerke mit zunehmenden Alter nicht besser. (Aber wir können alle ruhig schlafen gehen, denn laut Bundesumweltminister Röttgen hat Sicherheit immer Vorrang - warum wurde dieser Mann dann überhaupt nicht am neuen Atomdeal beteiligt ?)

Die Folgen eines GAUs mitten in Deutschland wären ungeheuer. Verseuchte Menschen und Landstriche. Ganze Generationen hätten darunter zu leiden.

Allein diese Vision sollte jeden logisch denkenden Menschen klar machen, dass die Atomtechnologie auf den Müllhaufen der Geschichte gehört und nicht in eine neue Runde gehen sollte.

Apropos Müll. Da sind wir doch schon beim nächsten Thema.

Legenden der Atommüllendlagerung.

Wenn atomare Brennstäbe so ausgelutscht sind, dass sie nicht mehr zur Energiegewinnung taugen, dann heißt es noch lange nicht, dass sie platt sind wie eine leere Batterie.

Die meist aus Uran-, Plutonium- oder einem Mischoxid bestehenden Brennstäbe zerfallen gemäß der radioaktiven Halbwertszeit ihrer Inhaltsstoffe. D.h. bei Plutionium ist schon nach schlappen 24000 Jahren die Hälfte weg. Uran braucht mindestens 704 Millionen Jahre.

Das sind wirklich Zeiträume in denen man gut planen kann. Man weiß zwar nicht, wie es in Gorleben in 500 Jahren aussieht, aber der radioaktive Müll, der wäre mit Sicherheit noch da.

Wenn man sich an der Schachtanlage Asse ein Beispiel nimmt, braucht es keine 500 Jahre und man kann sich Nachts in Niedersachsen ein Glas Wasser holen, ohne das Licht anschalten zu müssen:(
Da wäre doch bestimmt auch Gorleben eine strahlende Zukunft sicher.

Aber ruhig Blut. Bisher ist noch kein sicheres Endlager für 100000 Jahre strahlenden Mist gefunden worden, jedenfalls nicht auf diesem Planeten.

Einer Entsorgung in den Weltraum allerdings steht wieder einmal ein internationales Abkommen im Weg...vielleicht sollte Frau Merkel mal einen neuen aushandeln gehen. Darin ist sie gut.


Eine potentielle Reklamation.


Ich bin definitiv gegen die Änderung des Atomgesetztes nach Merkels Gusto.

Meine wichtigsten Gründe sind die:

1. Ich möchte definitiv nicht, dass mein Heimatland bzw. Teile davon radioaktiv verstrahlt werden. Dabei spielt keine Rolle, ob das nun durch die Kernschmelze in einem Atomkraftwerk geschieht, oder dadurch, dass ein Atomüllendlager durch Grundwasser geflutet wird.
Ich möchte auch nicht, dass auch nur die Gefahr besteht!

2. Im Augenblick leben wir hier in Shenzhen, aber es ist ja nicht ausgeschlossen, dass wir irgendwann nach Deutschland zurückkehren. Das gilt vor allem für meinen Junwen, der seine Lebensplanung noch nicht einmal richtig begonnen hat.
Ich würde mich höchst unwohl in der Nähe eines abgehalfterten -aber immer noch laufenden - Atomreaktors, oder gar eines Endlagers, fühlen. Ich möchte auch nicht, dass meine Kinder sich dieser Gefahr aussetzen. Niemals und nirgendwo!

3. Weil ich das für mich und die meinen nicht möchte, kann ich vollkommen nachvollziehen, dass die Einwohner von Gorleben nun zittern. Sie haben meine volle Solidarität!

4. Schon zu meiner Schulzeit -also vor gut 25 Jahren - gab es die Diskussion um die Verwendung der Atomkraft. Schon damals gab es gute Ansätze im Bereich der regenerativen Energieträger. Schon damals haben die Energiekonzerne versucht alles abzuwürgen, was ihn nicht in die Bilanzen passte. Nicht auszudenken wo 25(!) Jahre technische Entwicklung wäre, wenn man schon damals vernünftig investiert hätte.
Weil die meisten anderen Staaten noch träger in dieser Hinsicht waren, steht Deutschland trotz allem in der Entwicklung von Technik zur Nutzung regenerativer Energiequellen nicht so schlecht da. Es würde also auch wirtschaftlich sehr sinnvoll sein mit gutem Beispiel voranzugehen. Wenigstens dieses eine Mal!



Abgesehen von meinem kleinen verlorenen Text hier habe ich bei folgenden zwei Listen gezeichnet:

a) Bürger/innen-Appell gegen Merkels Atompläne! von Compact!.de.

und

b) bei der Petition: Nukleare Ver- und Entsorgung - Einhaltung der Verträge zur Abschaltung der Atomkraftwerke bis zum Jahr 2023 vom 17.08.2010 auf Bundestag.de.

Sicher das ist nicht viel, aber immerhin habe ich meine Meinung dahingehend klar geäußert.
Abgesehen davon kommt die nächste Bundestagswahl bestimmt.




Auf das mein kleiner Junwen, und auch alle anderen Kinder, auch in Zukunft noch kraftvoll zubeißen können und nicht strahlengeschädigt Zähne und Haare verlieren.

LG aus Shenzhen
Jens


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